„Du bist viel zu nett.“ „Du musst lernen, dich durchzusetzen.“ „Gib doch mal Kontra.“ „Du musst mehr für dich einstehen.“ „Einfach mal auf den Tisch hauen.“
Wie oft hast du solche Sätze schon gehört? Von Freunden. Von Kollegen. Von Führungskräften.
Vielleicht sogar von Menschen, die es wirklich gut mit dir gemeint haben.
Und trotzdem habe ich bei solchen Ratschlägen oft ein ungutes Gefühl, weil sie ein bestimmtes Bild erzeugen. Ein Bild davon, wie Menschen sind, die Klartext sprechen. Menschen, die sich durchsetzen. Menschen, die sagen, was sie denken.
Lass uns das mal ausprobieren
Wenn du an jemanden denkst, der in deinen Augen Klartext spricht – wen hast du vor Augen? Den Kollegen, der in jeder Besprechung das letzte Wort haben muss? Die Kollegin, die ihre Ehrlichkeit wie einen Freifahrtschein benutzt? Den Chef, der andere vor versammelter Mannschaft zusammenfaltet? Oder den Menschen, der stolz sagt: „Ich nehme kein Blatt vor den Mund.“
Wie gerne unterhältst du dich mit solchen Menschen? Und wie oft verlässt du ein Gespräch mit ihnen und denkst: Genau so möchte ich auch sein?
Vermutlich eher selten.
Vielleicht beginnt die Geschichte viel früher
So wie bei mir, Ende der vierten Klasse. Ich stehe am Waschbecken im Klassenzimmer. Die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium habe ich bestanden. Meine Noten waren damals alles andere als überragend – deshalb war das für mich ein riesiger Erfolg.
Dann kommt meine Lehrerin auf mich zu. Frau Müller. Und sagt einen Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe.
„Das Gymnasium schaffst du sowieso nicht.“
Ich weiß nicht mehr, was ich darauf geantwortet habe. Wahrscheinlich nichts. Aber ich weiß noch, was geblieben ist. Nicht die Worte. Das Bild. Eine Autorität. Eine Erwachsene. Jemand, der Klartext spricht. Jemand, der sagt, wie die Dinge sind.
Lange Zeit hielt ich genau das für Klartext.
Die meisten Bilder von Klartext entstehen nicht im Kommunikationsseminar
Sie entstehen viel früher. Zu Hause. In der Schule. In der Ausbildung. Im Beruf. Durch Menschen, die Eindruck hinterlassen haben – manchmal positiv, manchmal schmerzhaft.
Vor einiger Zeit habe ich Menschen gefragt, welche Begriffe sie spontan mit Klartext verbinden. Die Antworten waren erstaunlich eindeutig: Laut. Dominant. Rücksichtslos. Konfrontativ. Verletzend. „Große Klappe.“ „Immer das letzte Wort haben.“
Nur ein kleiner Teil der Begriffe klang anders: Ehrlich. Authentisch. Verlässlich. Offen.
Das hat mich nachdenklich gemacht. Denn wenn Klartext für viele Menschen genau so aussieht – warum sollten sie ihn selbst sprechen wollen?
Der Preis dieses Bildes ist höher als viele denken
Viele Menschen glauben, ihnen fehle der Mut. Oder die Schlagfertigkeit. Oder das Selbstbewusstsein.
Lass uns das mal weiterdenken: Was passiert, wenn du Klartext mit Menschen verbindest, die andere klein machen? Mit Menschen, die sich über andere stellen? Mit Menschen, die verletzen, statt zu verstehen?
Dann wird Schweigen plötzlich logisch. Nicht angenehm. Nicht hilfreich. Aber logisch. Denn wer möchte schon zu so jemandem werden?
Viele Menschen, die zu mir kommen, wissen ziemlich genau, was sie sagen möchten. Sie haben Argumente, Gedanken, Beobachtungen, Lösungen – alles da. Und trotzdem bleiben sie still. Nicht weil ihnen nichts einfällt. Sondern weil sie unbewusst Abstand zu einem Bild halten, das sie ablehnen.
Die wichtigste Erkenntnis kam viel später – nach dem Abitur
Viele Jahre stellte ich mir vor, wie Frau Müller den Brief mit einer Kopie meines Abiturzeugnisses in den Händen hält – und merkt, wie sehr sie sich in mir getäuscht hat.
Bestimmt kennst du solche inneren Filme. Und vielleicht gibt es auch in deinem Leben jemanden, dem du gerne etwas beweisen würdest.
Irgendwann habe ich verstanden: Dieses Abitur habe ich für mich bestanden – nicht für den Moment, in dem ihr klar wird, dass sie falsch lag. Und genau in diesem Moment hat sie ihre Macht über mich verloren.
Heute bin ich Frau Müller nicht dankbar für das, was sie gesagt hat. Im Gegenteil, ich finde ihr Verhalten heute noch unmöglich. Aber ich bin dankbar für das, was ich dadurch gelernt habe.
Sie wurde ungewollt zu einer meiner wichtigsten Lehrmeisterinnen. Warum? Weil sie mir gezeigt hat, wie ich nicht sein möchte. Und weil ich irgendwann verstanden habe: Zwischen „so sein wie sie“ und „gar nichts sagen“ liegen unendlich viele Möglichkeiten.
Genau dort beginnt für mich Klartext. Nicht als Kampf. Nicht als Dominanz. Nicht als Lautstärke. Sondern als die Fähigkeit, den eigenen Gedanken einen Platz im Gespräch zu geben. Ruhig. Klar. Auf Augenhöhe.
Wer hat dir eigentlich beigebracht, was Klartext ist?
Und wenn du an diese Person denkst: Ist sie wirklich das Vorbild, an dem du dich heute noch orientieren möchtest? Oder ist es Zeit, dein eigenes Bild von Klartext zu entwickeln?
Klartext-Fazit
Vielleicht fällt dir Klartext gar nicht schwer. Vielleicht hält dich ein Bild zurück, das du irgendwann übernommen hast – von einer Lehrerin, einem Chef, einer Kollegin, einem Familienmitglied.
Wenn du Klartext bisher mit Lautstärke, Dominanz oder Rücksichtslosigkeit verbunden hast: Wie oft hast du dann möglicherweise auf etwas verzichtet, das dir eigentlich wichtig war? Auf einen Gedanken. Eine Grenze. Eine Frage. Eine andere Meinung.
Vielleicht beginnt Klartext nicht damit, lauter zu werden. Vielleicht beginnt er damit, das alte Bild loszulassen.





